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Presseinfo 05/2016: Rüdiger Fleck zur E-Mobilität – ein Gespräch!

 

Herr Fleck, seit Januar sind Sie Geschäftsführer der Energieagentur Regio Freiburg. Davor haben Sie sechs Jahre lang die Regierung der Dominikanischen Republik in Energieeffizienzfragen beraten. Spielt E-Mobilität dort eine Rolle?


Noch wenig. Dort können klimaverträgliche Bestimmungen an so einfachen Dingen wie personellen Veränderungen scheitern. Ein Beispiel: Mangels Vertrauen in die Post ist das Botenwesen per Moped sehr ausgeprägt. Ich selber habe für die Regierung eine mögliche Umstellung auf Zero-Bikes geprüft. Plötzlich wechselte der Zuständige im Referat - und das Thema war von heute auf morgen vom Tisch. Vielfach gelangen Klimaschutz-Maßnahmen erst durch die Auflagen ausländischer Investoren zur Umsetzung.


In Europa gilt Norwegen in puncto E-Mobilität als Vorzeigebeispiel: Schon heute ist jede vierte Neuzulassung ein E-Auto, ab 2025 soll kein Neuwagen mit Verbrennungsmotor mehr auf die Straße. Von solch einem Paradigmenwechsel ist Deutschland trotz jüngster Abgasskandale noch weit entfernt. Warum kommt die Elektro-Mobilität hier nicht in Fahrt?


Rüdiger Fleck: Deutschland ist bereits e-mobil, aber nur auf der Schiene und im individuellen Verkehr mit Pedelecs und E-Bikes. E-Autos akzeptieren die Norweger deutlich leichter - sicher auch wegen der steuerlichen Anreize, die den hohen Kaufpreis leichter verschmerzen lassen. Außerdem – und das ist entscheidend – wird der für den Betrieb erforderliche Strom zu 100 Prozent aus Wasserkraft gewonnen. Die Ökobilanz für das einzelne Fahrzeug ist damit positiv. Hier ist das anders: Gerade hat die Bundesregierung entschieden, die Produktion von Strom aus regenerativen Energien zu bremsen. Elektromobilität verliert aber seinen Sinn, wenn nicht politisch die Rahmenbedingungen für emissionsfreie Energiegewinnung geschaffen werden. Herstellung und Einsatz von E-Autos für den individuellen Gebrauch erhöhen den Stromverbrauch. Wird dieser aus fossilen Brennstoffen gewonnen, verkommt das Elektroauto zu einem klimabedenklichen Zusatz-Spielzeug für zahlungskräftige Autoliebhaber. Unsinnig, das zu fördern, noch dazu aus Steuergeldern.


Kein forcierter Umstieg auf E-Autos in Deutschland also?


Rüdiger Fleck: Nur punktuell, die Zeit ist noch nicht reif. Außerdem, Sie kennen die technischen Knackpunkte des E-Autos: Die Reichweite ist zu gering, der Ladevorgang zu lang, die extra-leichten Bauteile kaum recyclebar, die Batterie ebenfalls nicht. Klar, da tut sich was: Das neue Tesla-Modell fährt inzwischen fast 500 km weit. Und ausgediente E-Auto-Batterien können vielleicht zukünftig in stationären Pufferspeichern, etwa für Solar- oder Windkraftanlagen, verwendet werden – eine Möglichkeit, die übrigens beim ISE Freiburg, hier im SIC, untersucht wird. Aber solange die E-Mobilität den Verbrauch fossiler Brennstoffe erhöht, bleibt ihr Einsatz – vor allem im Individualverkehr – fragwürdig.


Auf der anderen Seite sehe ich im E-Auto einen idealen Speicher für überschüssigen Öko-Strom. Es kann leicht nachts geladen werden mit Strom, der sonst nicht verbraucht werden würde. Gelingt es zusätzlich, den Primärenergiefaktor eines E-Fahrzeugs auf viele Köpfe zu verteilen, wie etwa beim Car-Sharing oder beim Bus, ist das E-Auto auch heute schon eine klimaattraktive Alternative. Das sind Modelle, deren Umsetzung wir in unseren Quartierskonzepten prüfen.
Klingt ganz so, als hätten wir auf dem Weg hin zum emissionsfreien Verkehr noch eine Übergangszeit zu überbrücken. Allzu lang darf die aber nicht dauern ….


Rüdiger Fleck: Oh nein, es ist 5 vor 12. Aber Besitzer neuer Diesel-Autos werden diese nicht morgen durch ein E-Auto ersetzen, das mit Strom aus regenerativen Energien hergestellt und betrieben wird. Wir brauchen Zwischenlösungen und zwar sofort. DME zum Beispiel ist ein Kraftstoff, der aus Erd- oder Biogas hergestellt und als Substitut für Diesel verwendet wird. Die gezielte Produktion von Biogas zulasten der Nahrungsmittelherstellung ist zwar problematisch. Andererseits kann ein herkömmlicher Dieselwagen durch leichte Umrüstung, nämlich die Veränderung der Einspritzanlage und den Einbau eines Drucktanks, mit DME rußfrei verbrennen. Die Feinstaubbelastung gerade in Städten lässt sich so schnell reduzieren. Auch die schwedische Energieagentur treibt deshalb die Verwendung von Biogas-Diesel voran. Optimal ist es, wenn das verwendete Biogas aus Produktionsabfällen gewonnen wird. In diesem Punkt gibt es hier in der Regio sehr innovative Betriebe. Die einen gewinnen aus Ziegenmilch-Molke Biogas. Andere produzieren mittels Pyrolyse aus Grünschnitt Pflanzenkohle, die sie für die Wärmegewinnung nutzen. Das finde ich ausbaufähig!


Daneben gibt es andere zukunftsträchtige Technologien, Stichwort Brennstoffzelle, die ja auch schon genutzt werden. Gerade ausländische Auto-Hersteller, z.B. Hyundai und Toyota, sind diesbezüglich ziemlich gut aufgestellt.


Was kann die Energieagentur Regio Freiburg beitragen, um die Entwicklung hin zu einem emissionsarmen Verkehr zu befördern?


Rüdiger Fleck: Eine Mobilitätsbetrachtung ist fester Bestandteil unserer Klimaschutz- und Quartierskonzepte. Auch im Maßnahmenkatalog, den wir im Zuge des European Energy Awards für Gemeinden erstellen, gibt es Empfehlungen für ein klimaverträgliches Verkehrskonzept. E-Mobilität ist dabei aber immer nur ein individuell zu prüfender Mosaikstein in einem großen Ganzen. Ganz aktuell ist in unserem Quartierprojekt Burg-Birkenhof ein E-Car-Sharing geplant, das durch eigens erstellte PV-Anlagen in Garagenhöfen versorgt werden soll. In Konstanz hingegen bestand ein Beitrag zur emissionsfreien Mobilität in der Anschaffung von  24 über die Stadt verteilten Lastenvelos, die kostenfrei zu leihen sind. Zum „Einfühlen“ haben wir in Staufen einen  Aktionstag zur E-Mobilität organisiert. Wichtig ist es dabei im Blick zu haben, was bei Norwegens E-Mobil-Euphorie negativ zu Buche schlägt: Der öffentliche Nahverkehr für den Arbeitsweg ging dort um 80 Prozent zurück – die Norweger fahren lieber alleine mit ihrem E-Auto, was zur Verstopfung der Innenstädte führt und die Unfallgefahr für Fußgänger und Fahrradfahrer stark erhöht.


Das Gespräch führte Trix Saurenhaus.

 

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Pressekontakt:
Trix Saurenhaus
Energieagentur Regio Freiburg
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Tel.: 0761/79177-16
E-Mail: saurenhaus(at)energieagentur-freiburg.de